Bäumchen, Bäumchen wechsle dich – dürfen Steuerleute ersetzt werden?

Tja, mal wieder eine Diskussion auf der Vereins-Terrasse. Es geht ums Regattasegeln.

Ich: „Ich denke darüber nach, ob wir für den Spi-Kurs nicht die Positionen Steuermann und Vorschoter wechseln, habe ich auch schon bei anderen Cracks gesehen.”

Antwort: „Das ist nicht erlaubt. Der Wechsel der Crew (Substitution) ist nach ISAF und DSV nicht erlaubt – ohne zeitliche Beschränkung! Also auch nicht für 5 Minuten. Wenn der Vorschoter an die Pinne geht, ist der Steuermann ersetzt. Das ist demnach nicht erlaubt.

Ich: „Wieso das denn nicht?”

Antwort: „Durch den Wechsel sollen keine taktischen Vorteile entstehen. Ich war selbst schon live dabei, wie ein holländisches Team auf Spikursen die Position wechselte. Das wurde ihm von den anderen Teams unmissverständlich ausgetrieben.”

Was sagen die Klassenvorschriften?

Hmm. Ich wurde nachdenklich. Ist das so? Was sagen denn eigentlich die Klassenvorschriften Sailhorse dazu? Prima, die sind ja frisch verabschiedet, müssten also top-aktuell sein. Dort steht also geschrieben: „Die Besatzungsmitglieder mit Ausnahme der verantwortlichen Person dürfen während einer Regatta ersetzt werden, (entsprechend Regel 46 RRS). Von dieser Bestimmung darf in den Wettfahrtbestimmungen abgewichen werden.”

Also doch! Oder doch nicht? Wer ist denn die „verantwortliche Person”? Ist das der Steuermann? Und was zur Hölle sind denn nun schon wieder „Wettfahrtbestimmungen”?

Die Wettfahrtregeln

Also immer schön der Reihe nach:

Der letzte Punkt kann schnell geklärt werden: Wettfahrtbestimmungen gibt es nicht. Zumindest kennen weder WS noch DSV (Deutscher Segler-Verband) diesen Begriff.

Außerdem heißt die ISAF nicht mehr ISAF sondern WS (World Sailing). Sie gibt die weltweit gültigen Regeln für Wettfahrten „WR” (englisch: RRS – Racing Rules of Sailing) heraus.

Ergänzend veröffentlicht der DSV (Deutscher Segler-Verband) „Ordnungsvorschriften Regattasegeln”. Dort wird unter 4.1 von „Ausschreibungen” und „Segelanweisung” gesprochen und auf Muster verwiesen. Außerdem beinhalten die Ordnungsvorschriften eine Wettsegelordnung (WO).


Maßgeblich für SaF-Wettfahrten sind die WR und die ergänzende WO.


Also flugs in WR 46 und die DSV Ordnungsvorschriften geschaut, die von der Klassenvereinigung „referenziert” werden.

In Regel 46 steht kein Wort vom Ersetzen, weder von Steuerleuten, noch von „verantwortlichen Personen”. Dort steht nur, dass eine „verantwortliche Person” an Bord sein muss. Na, der Erkenntnisgewinn ist jetzt nicht besonders, das steht auch schon in der Binnenschifffahrtsverordnung.

Aber in der Muster-Segelanweisung des DSV werde ich fündig: „Bei Ranglistenregatten ist Steuermannswechsel nicht erlaubt”. Allerdings sind Regatten mit SaF-Booten keine Ranglistenregatten und daher für uns auch lt. DSV eher nicht zutreffend: „Nur bei Ranglistenregatten und nicht bei Langstreckenregatten sinnvoll”.

Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.

Warum überrascht mich dieses Ergebnis eigentlich nicht?

Endlich Antworten: Nachfrage beim Regelpapst Uli Finkh

Damit es unseren LeserInnen nicht genau so ergeht, haben wir uns auf den Weg durch den Dschungel der Vorschriften begeben.

Vor allem aber haben wir mit Uli Finkh gesprochen, wohl unbestritten der deutsche „Regelpapst” (daher hier noch mal der Hinweis auf sein tolles Regelspiel.)

Uli Finkh: „Wesentlich ist, dass der Schiffsführer an Bord ist. Der Eigner muss nicht an Bord sein. Schiffsführer und Eigner (Eigentümer) können dieselbe Person sein, können aber auch verschiedene Personen sein.”

Alle anderen Ausführungen der Ordnungen und Vorschriften in Richtung Crewwechsel etc. beziehen sich nicht auf die Aufgabenverteilung auf einem Boot!


Zu den Aufgabenverteilungen auf SaF-Booten siehe unser Playbook Teil 1


Uli Finkh: „Die in Segelanweisungen oder Ausschreibungen genannten Formulierungen der Art „Mannschaftswechsel ist nur nach vorheriger Genehmigung durch die Wettfahrtleitung möglich” beziehen sich darauf, ob ein Crewmitglied das Boot verlassen und durch eine Person, die zuvor nicht an Bord war, ersetzt werden darf. Während einer Wettfahrt ist dies durch WR 47.2 ausgeschlossen, während einer Wettfahrtserie aber innerhalb der in Ausschreibung oder Segelanweisung gemachten Einschränkungen erlaubt.”


„Mannschaftswechsel betrifft also nicht den Wechsel der Aufgaben an Bord zwischen verschiedenen Mannschaftsmitgliedern.”


Eine gewisse sprachliche Problematik gibt es, allerdings nur im Deutschen:

Uli Finkh: „Da in der Rangliste bei Ranglistenregatten die Punkte nur dem Steuermann zugesprochen werden (siehe Ranglistenordnung 3.5) hat man die Formulierung in WO 2.5 für den Steuermann im Bereich des DSV festgelegt. Aber auch hier ist es möglich, dass der Steuermann z. B. Vor dem Wind den Spinnaker fährt, während der Vorschoter in dieser Zeit steuert. Von daher gesehen ist „Steuermann” ein rein deutsches Problem, das durch die Rangliste kommt.”

Also. Alles ganz einfach.

Die ganzen komplizierten Regelungen laufen – zumindest für unsere Klassen – letztlich auf die gesetzliche Vorschrift hinaus, dass immer ein (verantwortlicher) Schiffsführer an Bord sein muss.

Und welche Aufgaben die Crew, die Mannschaft, das Team ausführt, ist allein dem Bestimmungsrecht des Schiffsführers überlassen!

Puhh – endlich geklärt. Und für alle noch mal zum Nachlesen kommen hier die Definitionen der verschiedensten gefallenen oder in den Regeln verwendeten Begriffe:

Begriff Definition Wo geregelt? Erläuterung
Boat-Owner Identisch mit „Eigner” s. „Eigner”
Boots-Eigner Identisch mit „Eigner” s. „Eigner”
Crew Identisch mit „Mannschaft” s. „Mannschaft”
Eigner Eigentümer eines Bootes (die juristische Abgrenzung zum Besitzer ist hilfreich) WS/ISAF WR 78 regelt die Verantwortung, das Schiff im regelkonformen Zustand zu halten Muss nicht an Bord sein (es sei denn, er ist der Schiffsführer).
Helmsman Identisch mit „Rudergänger” s. „Rudergänger”
Mannschaft „Die Gesamtheit der Besatzung eines Bootes einschließlich des Schiffsführers.” WS/ISAF WR 47.2

DSV WO 2.6

Während einer (Einzel-) Wettfahrt darf die Mannschaft nicht ausgewechselt werden.

Während einer Wettfahrtserie (=Regatta) innerhalb der in Ausschreibung oder Segelanweisung gemachten Einschränkungen ist dies möglich.

Owner Identisch mit „Eigner” s. „Eigner”
Person in Charge Identisch mit „Schiffsführer” s. „Schiffsführer“
Rudergänger Eine Position, eine Aufgabe Vgl. SaF-Playbook Keine verbindliche Vorschrift, s. „Steuermann” und „Schiffsführer”
Schiffsführer „Der nach den geltenden gesetzlichen Vorschriften verantwortliche Schiffsführer.” Binnenschifffahrtsverordnung

WS/ISAF WR 46 und 78.1

DSV WO 2.4

Weist die Aufgaben auf einem Schiff gem. WS/ISAF WR Appendix J, Notice of Race and Sailing Instructions zu: „An owner or person in charge is free to invite anyone to steer the boat”

Muss immer an Bord sein.

Hat die Befehls-/ Bestimungsgewalt inne.

Mit Eigner für regelkonformen Zustand des Bootes verantwortlich. Ist daher wie dieser Ansprechpartner für Schiedsgerichte (WR 69).

Skipper Identisch mit „Schiffsführer” s. „Schiffsführer”
Steuermann „Die Person, die überwiegend das Ruder des Bootes führt. DSV WO 2.5

s. o. Vorbemerkungen zum Bezug zur „Ranglistenordnung”, die für SaF-Wettfahrten keine Bedeutung hat.

„Wird in der Ausschreibung nicht zwischen Schiffsführer und Steuermann unterschieden, ist der Steuermann der Schiffsführer.”

Er ist Bestandteil der „Mannschaft”, daher gelten die dortigen Wechselregeln auch für ihn (da keine Ranglistenfahrt).

Team Identisch mit „Mannschaft” s. „Mannschaft”
Verantwortlicher Schiffsführer Identisch mit „Schiffsführer” s. „Schiffsführer” „verantwortlich” ist eine Tautologie
Vorschoter(in) Eine Position, eine Aufgabe Vgl. SaF-Playbook Keine verbindliche Vorschrift

Nachsatz: Es wäre wünschenswert und hilfreich, wenn die Auslober von Wettfahrten den möglichen und sinnvollen Unterschied zwischen „Steuermann” und „Schiffsführer” nutzen würden.

 

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