Der Sailhorse neue Kleider – Teil 1: Die Segeltuche

Eine neues Hemd soll her, ein „Chemise de bonne So’ur” –  das „Hemd der guten Schwester”. Schließlich machen die Segel rund ein Drittel der Material-Performance (neben Rumpf, Kiel/Schwert, Rigg …) aus.

Also einfach zum nächsten Segelmacher und eine „Portion Segel” bestellen? Tja, wenn’s so einfach wäre. Allzu oft haben wir erfahren, auch am eigenen Boot, dass die Segel „nicht passen”, obwohl sie doch „gemäß Klassenvorschriften” (KV) gefertigt wurden.

Und außerdem: Selbst im Rahmen der KV gibt es Spielräume. Welche Segel sind also für meine Zwecke die besten?

Die Segelmacherei ist eine Wissenschaft für sich. Die wollen wir hier nicht in Gänze aufklären, da gibt es genug kluge Abhandlungen zu. Doch was es für Sailhorse und ihre Freunde bei einem Neukauf zu wissen und zu beachten gibt, das haben wir hier als Entscheidungshilfe zusammengefasst.

Die Infos haben wir in drei Teile gepackt: Teil 1 handelt von den Tuchen und Tuchmachern, Teil 2 von den Segelmachern und Teil 3 von den Dingen, die bei einer Segelbestellung unbedingt beachtet werden sollten.

Die Klassenvorschriften

Die KV geben div. Ausführungsvorschriften vor, die bereits die ersten Entscheidungen verlangen:

  • Ab 1. Januar 2020 wird die Genua in Regatten verboten, was der Grundidee der Einheitsklasse („keine Materialschlacht”) näherkommt. Also lassen wir die Genua außen vor?
  • Groß- und Vorsegel müssen mindestens mind. ein Fenster haben, die Gesamtfensterfläche muss seit 2016 zwischen 0,2 und 0,5 qm betragen. Ein oder zwei Fenster für die Fock? Ein, zwei oder drei Fenster für das Groß? Und wo?
  • Trimmleinen in den Achterlieken sind ebenso erlaubt wie ein Rollfocksystem. Wollen wir Trimmleinen? Hat es Einfluss auf die Segel, wenn wir eine Rollfock haben oder wollen?
  • Das Unterliek des Großegels muss sich nicht in der Mastnut befinden und benötigt dann auch kein Liektau („loses Unterliek”). Loses oder geführtes Großsegel-Unterliek?
  • Die Segel müssen glatte, flexible Ein-Tuch-Segel aus Polyester sein. Sie müssen aus weißem gewobenen Tuch mit einer Stärke von mindestens 200 g/m² gefertigt sein. Der Spinnaker darf auch aus „Nylon-Fasern ” (eigentlich „Polyamid”) gefertigt sein. Welches Tuch mit welchem Tuchgewicht und wie geschnitten bevorzugen wir?
  • Das Großsegel muss 4 gleichmäßig angeordnete Segellattentaschen im Achterliek haben. Die Längen (von oben nach unten) sind zwingend: 1.100 mm, 1.050 mm, 1.200 mm, 1.350 mm. Sind die „alten” Segel mit anderen Lattenlängen noch zulässig? Welches Material und welche Form der Segellatten wünschen wir?
  • Ein Kopfbrett (max. Breite 120 mm) ist beim Groß erlaubt. Lieber Kopfbrett oder Fächerverstärkung?
  • Das Groß muss Reffkauschen haben. Eine, zwei oder gar drei Reffreihen?

Die aufgeführten Fragen geben die Linie unserer kleinen Beitrags vor. Etwas verwirrend ist, dass die Zeichnungen zu den KV tw. andere Angaben als in der Textversion aufführen. Auch sind in den deutschen KV keine Maße für den Spinnaker enthalten. Bei Widersprüchen soll allerdings die KV und nicht die Zeichnung gelten.

Welcher Tuchmacher?

Man bekommt von Segelmachern meist nur sehr rudimentäre Auskünfte, teilweise nicht einmal über den Tuchmacher. Die Tuchqualität spielt allerdings eine wichtige Rolle.

Als renommierte Hersteller von Segeltuchen gelten Bainbridge aus UK, Contender (NL) und Dimension Polyant (Abkürzung bei Produktbezeichnungen: DP) (D) sowie North Sails. DP ist der für unsere Segel wohl am meisten verbreitete Tuchhersteller, aber auch Contender-Tuche werden gerne verwendet.

Welches Segeltuch?

Ein-Tuch-Segel aus Polyester muss es gem. KV sein. Auch im Sinne einer Einheitsklasse, die die unterschiedlichen Seglerleistungen nicht von einer Materialschlacht abhängig machen will.

Polyester wird häufig synonym mit dem Namen Dacron verbunden. Wobei Dacron zunächst nichts anderes ist als der Markenname von DuPont für ihre Polyester-Produkte. Dacron steht allerdings als DuPont-Produkt auch für eine gute Qualität – ebenso wie Polyant, Terylene und andere. Contender nennt seine Polyester-Tuche übrigens Fibercon. Alle zusammen stehen für gutes Handling und lange Haltbarkeit und für ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis.

Welche Webdichte?

Bei Erstausrüstungen wird nicht immer Marken-Segeltuch genommen und mindere Qualität durch eine allerdings wenig haltbare und kaum erkennbare Endbehandlung (Harzen) kaschiert. Doch woran erkennen? Zwar geben die Tuchmacher viele Informationen über ihre Produkte, Webdichte und -art preis, diese sind für uns Amateure allerdings eher verwirrend. Denn die Tuchhersteller kombinieren mit verschiedenen Webdichten und -stärken und letztlich auch Webprozessen, die in ihrer Wechselwirkung für uns nicht beurteilbar sind. Wir müssen (und können) also auf die Qualität der genannten Tuchmacher vertrauen.

Nur eines kann man sagen: je höher die Webdichte, desto weniger Harz ist erforderlich, desto weicher und weniger empfindlich werden die Segel.

Welcher Schnitt?

Webart und Webschnitt stehen ebenfalls in Wechselwirkung. Beginnen wir mit einem Abstecher zum Tuchschnitt. Üblich ist nach wie vor der preiswertere Horizontalschnitt (Bahnen laufen rechtwinklig zum Achterliek – auch „Crosscut” genannt). Dieser ist allerdings nicht nur preiswerter, er lässt auch mehr Trimmmöglichkeiten im Achterliek zu.

U. a. North Sails setzt bei Dacron zunehmend auf den Radialschnitt (lastorientierter Schnitt, bei dem die Bahnen strahlenförmig von Schothorn und Segelkopf zur Segelmitte laufen, als Tri-Radialschnitt zusätzlich vom Segelhals). Der Radialschnitt gilt als eher Performance-orientiert. Er schließt das Achterliek früher und bringt damit mehr Power ins Segel. Es fehlt allerdings, wenn man so will, der 5. Gang, so dass man einen etwas begrenzteren Einsatzbereich hat.

Als fast schon ideale Lösung kann der semi-radiale Schnitt angesehen werden. Die oberen und unteren Segelbereiche sind radial geschnitten, das mittlere horizontal. Warum nur „fast ideal”? Leider auch aufwändiger als der Horizontalschnitt.

Bi-radiale Genua von Samsails / horizontales Groß – Foto: Stephan Raich

Bi-radiale Genua von Samsails, Tuchmacher DP – Foto: Stephan Raich

Tri-radiale Genua von Samsails – Foto: Stephan Raich

Horizontales Großsegel von Samsails, tri-radiale Genua von LvB, Segeltuch von DP – Foto: Stephan Raich

Tri-radiale Genua und Tri-radiale Genua und

Semi-radialer Schnitt Großsegel – Foto: Olaf Bolduan

Semi-radialer Schnitt Großsegel – Foto: Olaf Bolduan

Welche Webart?

Gewebte Segeltuche aus Polyester werden in der sogenannten „Leinwandbindung” produziert. Dabei überkreuzen sich die Garne im Gewebe. Das Verhältnis der Garne in Längs- („Kettfäden”) und Querrichtung („Schussfäden”) spielt eine wichtige Rolle, denn dieses Verhältnis hat entscheidenden Einfluss auf die Dehnungsstabilität in Belastungsrichtung. Denn die Belastung der Lieken ist ja nicht bei jedem Segel gleich, sondern hängt vom Verhältnis Vorliekslänge zu Unterliekslänge ab.

Alles unter einem Verhältnis Vorliek/Unterliek von 2,5 bezeichnen Segelmacher als „low aspect”, alles über 3,0 als „high aspect”, alles dazwischen als „balanciert”, wobei mache Tuchmacher nicht weiter zwischen low aspect und balanciert unterscheiden. High ist dann alles wie bei Contender über 2,5. Bei der Sailhorse-Genua beträgt das Verhältnis 1,8 – bei der Fock 2,65 –– beim Großsegel gibt es seitens der KV keine Längenvorgaben, das Verhältnis wird aber wohl bei ca. 2,3 liegen.

All Purpose, Square, Pro Radial?

Womit wir bei der Sailhorse, abgesehen von der Genua, im Bereich der balancierten Tuche wären. Deren Festigkeit parallel zum Achterliek sollte entsprechend hoch sein. Diese Tuche werden bei DP und Contender „all purpose” („AP”, für ein Verhältnis von ≈ 2,5 ausgelegt) genannt und bei Bainbridge eben „balanced”.

Darüber hinaus gibt es sogenannte „Square Tuche”, bei denen zusätzlich zum Gewebe ein Gitter aus dickeren Polyesterfäden eingewebt wird (Ripstop-Muster). Regatta-Segler müssen darauf achten, dass die Querfaser nicht aus der durchaus verwendenten Pentex-Faser besteht, was gegen die Ein-Tuch-Regel verstößt. (Aus dem gleichen Grund sind auch andere Verfahren wie Hydra Net nicht zulässig).

Vereinfachend kann man sagen, dass AP-Tuche länger halten und leichter zu handhaben sind, sie sind auch (ein wenig) preiswerter. Square-Tuche haben zwar eine geringere Lebensdauer, dafür halten sie in dieser Zeit besser ihr Profil. Sie sind (ein wenig) teurer.

Bei einem Radialschnitt sind nun die Anforderungen an die diagonale Dehnstabilität noch höher. Diese werden durch ein Tuch mit geradem Kettfaden erreicht. Dies Tuch werden u. a. von Bainbridge, DP („Pro Radial”), Contender („Fibercon Pro”) und North Sails angeboten.

Quelle: Beilken

Quelle: Beilken

 

Und die Fenster?

Gerne vergessen wird bei Produktangaben die Anzahl und die Qualität (!) der Fenster. Es sollte schon X-Ply verstärkter Monofilm 4,0 mm Stärke sein. Dann kann man auch die max. zulässigen Fensterflächen von 0,5 qm pro Segel nutzen.

Welches Finish?

Um lange Freude an seinen Segeln zu haben – oder schnell zu segeln – kommt es noch auf die Oberflächenbehandlung an: Dabei wird Harz in die Web-Zwischenräume gepresst, um die Eigenschaften zu verbessern und Luftundurchlässigkeit zu erzeugen.

Im Prinzip gibt es hier zwei Varianten der Beschichtung:

  • Sehr harte Beschichtungen – anfällig, weniger haltbar, teurer aber sehr gute Formbeständigkeit und damit bessere Performance. Besteht meistens aus Polyurethanharz (HTP). Im Extremfall können beim Killen der Segel die darunter liegenden Fasern zerstört werden (sogenannter „Weißbruch”). Verkaufsnahmen sind z. B. bei Contender „Polykote” und bei DP „HTP plus”.
  • Mittlere bis weiche Beschichtungen: Meist bestehend aus Melaminharz (MF). (Verkaufsnamen: Contender – Polypreg, DP – MTO, FTO). Segel mit diesen Beschichtungen können leichter gefalten und gerefft werden, nehmen auch beim Killen nicht so schnell Schaden. Dafür handelt man sich allerdings eine geringere Profiltreue ein.

Welches Tuchgewicht?

Das Mindestgewicht ist durch die KV mit 200 g/qm für Fock und Groß vorgegeben. Für Sailhorse besteht in der Regel die Wahl zwischen 200 und 250 g/qm (bzw. 205 und 245 g/qm bei SQ-Gewebe). Bei Contender-Tuchen entfällt die Wahl, hier wird in aller Regel ein Tuch mit dem Gewicht 234 g/qm genommen.

Generell kann man sagen: Leichte Tuche lassen sich einfacher trimmen und handhaben und sind bei Leichtwind schneller. Außerdem verbessert jedes Gramm eingespartes Toppgewicht die Segeleigenschaften, durchaus auch beim Fahrtensegeln.

Manche Segelmacher bevorzugen das festere 245er Tuchgewicht mit der Begründung der höheren Beanspruchung bei Starkwind (mind. bei der Fock). Auch gleicht ein höheres Gewicht bis zu einem gewissen Grad Mängel in der Verarbeitung aus. Das dickere Material nimmt allerdings mehr Harz auf und wird damit anfälliger gegen Knicken. Reck/Dehnung ist übrigens entgegen oft zu hörender Ansichten kaum vom Tuchgewicht abhängig.

In Holland und auch in Deutschland sind auf Nachfrage keine Probleme mit einem leichteren 200er Tuch bekannt (wohl aber mit den Lattentaschen).

Bei der Gelegenheit: Wenn Angaben in OZ gemacht werden ist damit nicht die „normale” Unze sondern die „seemännische” gemeint. Um auf das Grammgewicht zu kommen muss sie mit 42,83 multipliziert werden.

Und der Spinnaker?

Die meisten Spinnaker sind aus gewebtem Nylon, wobei „Nylon” wie „Dacron” nur ein Markenname für Polyamid-Fasern ist. Ein anderer wäre z. B. „Perlon”. Polyamid-Fasern wie Nylon sind reißfester als Polyester und damit alltagstauglicher. Tuchgewichte gibt es zwischen 2,2 Unzen (Offshore-Yachten über 40 Fuß) bis 0,4 Unzen (reine Leichtwetter-Tuche). Auch hier kommt es auf die Qualität an: Ein leichtes aber gut gewebtes, dichtes Tuch kann die selbe oder eine bessere Festigkeit erreichen, als ein schweres Tuch. Für Sailhorses werden 0,75 Uz (32,1 g/qm) verwendet.

Auch für Spi-Tuche gilt: Es gibt alltagsorientierte Tuche mit einer „weicheren” Beschichtung meist aus Melamin, die für mehr Stabilität, Belastbarkeit und längere Lebensdauer sorgt. Und es gibt „Racing-Nylon” meist mit einer auf Polyurethan basierenden Beschichtung, das weniger elastisch und reißfest ist. Dafür ist es formstabiler, Wasser abweisend und meist leichter. Insbesondere bei Halbwindkursen können die so beschichteten Spis flacher gefahren werden.

Aber auch Polyester-Tuche sind im Einsatz, i. d. R. nur auf Racing-Booten. Es kann engmaschiger gewebt werden, benötigt daher weniger Finish (als Nylon) und hat trotzdem weniger Reck mit maximaler Profiltreue.

Beim Schnitt der Spinnaker hat sich der Radialschnitt durchgesetzt, auch wenn andere Schnitte noch vorzufinden sind.


Wenden wir uns nun in Teil 2 unserer Serie den Segelmachern zu.


 

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