Ruderbeschlag Sailhorse, verstärkt

Ruder Tuning oder: Bliev jraduss

Ruder tunen? Was soll das denn? Ja, das Ruder spielt auch beim Boots-Trimm eine Rolle, doch das ist hier nicht unser Thema. Dafür aber dieses nervende, „eirige” Gefühl beim Steuern – diese Achterbahnfahrt an der Windkante. Das gibt es auch in anderen Klassen – da kann man wohl nichts machen. Oder doch?

Holzpinne, Edelstahl-Kopf, Polyester-Blatt, da kommen bis zu 15 kg zusammen

In der Tat, die besten Segler optimieren auch ihr Ruder, wie man einem Beitrag von Ton Bouchier in der holländischen „Horsevoer” entnehmen kann. Und die Vorteile machen sich deutlich bemerkbar. Nicht nur gefühlsmäßig. Die Bootsbeherrschung wird verbessert, die Neigung zum Bruch des Ruderblatts verringert.

Was kann man also tun?

Gewicht sparen

Vielleicht gibt es noch das eine oder andere Sperrholz-Ruderblatt, aber der „Klassiker” ist wohl das Polyester-Blatt mit einem Edelstahl-Kopf und einer Vollholz-Pinne. Das gesamte Ensemble kann sich wohl nebst Pinnenverlängerung auf 15 kg summieren. Die Klassenvorschrift erlaubt mittlerweile 5 kg, eine gewaltige Differenz, die sich per Hebelwirkung auf den hintersten Teil des Bootes auswirkt. Genau dort, wo man in den meisten Segelsituationen Gewicht vermindern will, um das Heck aus dem Wasser zu heben.

Rudersystem aus Holz/Carbon, ca. 5 kg

Die einfachste Möglichkeit ist, ein komplettes Rudersystem aus einem Stück zu kaufen (s. Gewusst wo und was – Teile für die Sailhorse). Das Ruderblatt besteht dabei aus einem Balsaholz-Kern, das eine sehr niedrige Dichte bei hoher Festigkeit und Härte hat. Deswegen wird es auch gerne als Kernwerkstoff von Faserverbundwerkstoffen in Sandwichbauweise genutzt. Als Faserverbundwerkstoff wird ein carbonfaserverstärkter Kunststoff (CFK oder einfach „Carbon”) eingesetzt, der sich ebenfalls durch eine hohe Festigkeit und geringe Dichte auszeichnet. Auf dem Blatt ist statt eines Ruderkopfes eine Aufnahme für die Pinne angebracht, die als Aluminium-Rohr ausgebildet ist. Das spart natürlich durch weniger und leichtere Bauteile deutlich an Gewicht. Auch auf einen Ruderbeschlag wird verzichtet, stattdessen gibt es einzeln angebrachte Rudernägel wie wir sie von Jollen kennen.


Wer nicht ein neues System anschaffen möchte oder diesem nicht traut, kann trotzdem viel tun. Ausgangspunkt ist, dass das Rudersystem mehrere Stellen hat, an denen Teile miteinander verbunden sind die einzeln betrachtet und kombiniert werden können und Spiel haben: Die Pinnenverlängerung mit der Ruderpinne, der Ruderkopf mit dem Ruder, die Ruderkopfhalterung mit dem Rumpf und dem Ruderkopf und dann gibt es noch Spiel in der Ruderkopfhalterung und im Ruderkopf.


Wir haben einen Selbstversuch gemacht und sind die Schritte bzw. Möglichkeiten des „Sailhorse-Tunings” der Reihe nach durchgegangen:

Ruderkopf

Der Edelstahl-Ruderkopf ist für ein aufholbares Ruder gedacht und daher nur am Drehpunkt befestigt. Entsprechend ist er mit Spiel gebaut. Während das Ruderblatt max. 2,3 cm an der Aufnahme misst, beträgt der Abstand im Ruderkopf 2,5 cm. Wer auf das Klappruder verzichtet, wie sicher die meisten von uns, setzt zusätzliche Schrauben an den Rand des Kopfes. Doch das Spiel im hinteren Bereich kann nur durch neue Lagen Polyester oder durch Unterfüttern beseitigt werden. Gleichzeitig wird die Gefahr des Ruderbruchs an der Übergangs-Kante deutlich verringert, denn der Kopf stützt dann das Ruder über seine gesamte Fläche.

Ton Bouchier empfiehlt übrigens noch eine Verstärkung durch Verlängerung der Achterkante, was natürlich die Biegung des Kopfes an sich und damit auch des Ruderblattes weiter einschränkt.

Darüber hinaus ist die Aufnahme für den Rudernagel im Laufe der Jahre meist ausgeschlagen (Edelstahl auf Edelstahl). Die Folge: Ebenfalls zu viel Spiel im ganzen System. Die Abhilfe: Ein Gleitlager mit 12 mm Innendurchmesser passt genau auf den Rudernagel. Das Auge des Ruderkopfes muss sorgfältig auf das Maß des Gleitlagers (z. B. 13 mm) auf- und rundgebohrt werden, so dass das Gleitlager eingepasst werden kann.


Tipp: Darauf achten, dass man ein Gleitlager „mit Bund” bestellt. Auf dem Foto seht Ihr unten ein Gleitlager mit Bund, oben ohne. Der erste Versuch zeigte gleich, dass sich ein Lager ohne Bund oder mit dem Bund nach oben herausarbeitet. Das Lager muss durch den Ruderkopf nach unten gedrückt werden, denn es ist ja nicht fest verbunden.


Noch ein Hinweis von Ton Bouchier: Er empfiehlt, die untere Aug-Aufnahme ebenfalls zu verstärken (Winkel oder neue Aufnahme einschweißen). Wir haben darauf verzichtet, weil wir denken, dass durch unsere Verstärkung des Ruderbeschlags (s. u.) der gleiche Effekt erreicht wird. Ansonsten hat er Recht: Auch bei uns waren die Aug-Aufnahmen leicht verbogen.

Ruderblatt

Das Ruderblatt selbst bietet nicht so viele Tuning-Möglichkeiten, außer natürlich: Schön glatt, trocken und sauber halten. Kleine Schäden möglichst schnell beseitigen, denn Osmose fängt häufig beim Ruderblatt an. Selbst die neuen Carbon-Ruder sollen an den Verknüpfungsstellen leicht Wasser aufnehmen.

Aber natürlich muss man sich nicht gleich das ganze Carbon-System als Ruderanlage kaufen. Ein neues Blatt macht schon viel aus. Man kann es auch in Kombination mit dem Edelstahl-Ruderkopf nutzen. Der Vorteil: Der Ruderkopf stützt das Blatt, die Querkraft, die auf die Bruchkante wirkt ist durch den kürzeren Hebel geringer.


Tipp: Wer sich ein neues Ruderblatt bestellt, sollte es sich gleich mit dem richtigen Maß in der Ruderkopfaufnahme bestellen.


Pinne

Die Sailhorse-Ruderpinne ist oftmals aus Holz und von nicht geringem Gewicht. Man kann sie durch ein Stück Alurohr ersetzen. Wir haben es mit einem ca. 25 mm rundem Aluprofil versucht. Das Ergebnis war nicht schlecht, aber letztlich nicht ganz überzeugend. Wenn man überall das Spiel aus dem System eliminiert hat, kann man das Biegespiel des Profils schwer akzeptieren. Wenn wir allerdings auf ein ca. 30 mm starkes Alu-Kastenprofil stoßen, werden wir einen neuen Versuch starten.

Ruderbeschlag

Der Ruderbeschlag ist starken Kräften ausgesetzt. Auf dem Foto ist zu erkennen, dass z. B. hier der untere Rudernagel verbogen ist. Die gesamte Platte ist ebenfalls verbogen, so dass der Ruderkopf im Ruhezustand nicht auf den beiden Rudernägeln gleichmäßig aufliegt.

Und dass, obwohl im Bootsinneren mit großflächigen Aluplatten gegengekontert ist. Was auf dem Foto nicht zu erkennen ist: Auch der obere Rudernagel hatte einen Schlag.

Ursachen sind wohl nicht nur im Segeln zu finden, sondern auch beim Transport, wo der Mast ja auf dem Ruderbeschlag aufgestützt wird.

Jedenfalls scheint es eine gute Idee, den gesamten Beschlag (neu) zu begradigen und zu verstärken. Zu diesem Zweck haben wir unter den Beschlag einen 5-cm-Winkel anschweißen lassen, der die am stärksten belastete Stelle unterstützt und den gesamten Beschlag verlängert. So verteilen sich die Kräfte besser. Auf Vorschlag unseres Schlossers haben wir noch zwei Stege anheften lassen, so dass sich der Beschlag auch nicht mehr verbiegt. Hier das Ergebnis:

 

Ton Bouchier empfiehlt übrigens, den Ruderbeschlag insgesamt tiefer zu setzen. Darauf haben wir verzichtet, weil zumindest bei uns das Ruder schon am tiefsten durch die Klassenvorschriften zugelassenen Punkt ist.

Fazit

Wir haben tatsächlich ein spielfreies System geschafft und bei 4 bis 6 Windstärken getestet. Es hat etwas von einer Offenbarung. Die Windkante ist präzise zu halten, das Segelpferd reagiert auf leichte Pinnenbewegungen genauso wie auf starke direkt und wie beabsichtigt. Kein „Umklappen”, keine „Achterbahnfahrt”. Im Sinne von „Bootsbeherrschung” ein gewaltige Verbesserung. Vielleicht lassen wir im Winter noch die Achterkante des Ruderkopfes verstärken, denn das letzte verbliebene Spiel liegt in der Biegung des Ruderblattes.

Im Sinne von „Schneller” und „Gewichtseinsparung” haben wir nichts erreicht. Dazu müsste kombiniert werden: Das Carbon-Ruderblatt ist leichter und durch das Naca-Profil strömungsgünstiger. Auf den Ruderkopf müsste man verzichten, aber wohl nur, wenn man auf die größere Härte des Carbon-Ruderblattes vertraut. Genauso verhält es sich mit dem Ruderbeschlag: Wir haben ihn verstärkt und damit etwas schwerer gemacht, statt auf die leichtere Version mit einzelnen Rudernägeln zu wechseln. Eine Alu-Pinne ist wohl noch eine Möglichkeit.

Im Sinne von Racing sollte man das neue Carbon-System nutzenoder beide Systeme einsetzen. So zeigen z. B. die Fotos 2 (unter „Gewicht”) und 5 (unter „Pinne”) zwei verschiedene Ruderanlagen der „Sunhorse”. Ton Bouchier selbst setzt den Edelstahl-Ruderkopf mit Holzpinne und Carbon-Ruderblatt ein. Ansonsten setzen mindestens die TOP 10 des Eurocups alle das Carbon-System ein.

Was auch für unser Tuning spricht: Es ist nicht viel Arbeit. Für das Ausbohren der Aug-Aufnahmen und das Verstärken des Ruderbeschlags haben wir beim Schlosser 50,- EUR bezahlt, die Gleitlager kosten ca. 2,- EUR das Stück (wer kann, kann sie sich auch aus Bronze selbst drehen). Das neue System als solches wäre wohl mit mehr als 800,- EUR zu veranschlagen.

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