Besser lesen mit Ralf: Tipp für die Winterzeit

Der Winter hat die Seen im Griff und wer die Zeit bis zum Frühjahr mit Segel-Lektüre verkürzen will, für den hat Ralf seinen Bücherschrank geöffnet und ein besonderes Schmankerl hervorgeholt:

Göran Schildt: Im Kielwasser des Odysseus

Wer im trüben deutschen Winter etwas virtuelles Sonnenlicht braucht, greife zu Göran Schildts Büchlein. Wir begeben uns in den sonnigen Süden, es ist ist 1950, der Massentourismus spielt noch keine Rolle. Die Welt ist nicht unschuldig, aber vielleicht etwas unkomplizierter als heute. Wir werden auf Spuren des Krieges treffen, Deutsche sind aber nicht unter den handelnden Personen und der Erzähler ist Finnland-Schwede, das macht die Kriegs-Überreste unverfänglicher.
Der Törn findet statt auf einer 10m langen hölzernen Ketsch Daphne mit Einbaudiesel, der aber mehr Ärger als Freude bereiten wird. Mit dabei sind die Gattin Mona, und, fast ebenso wichtig, ein italienisches Moped namens Lambretta vom Typ B.

Bella Italia, die Sonne scheint quasi Tag und Nacht und die Helmpflicht ist noch nicht erfunden. Bis Ende September wird es nicht mehr regnen. Es geht auf einen langen Segeltörn von Rapallo über Sizilien  nach Griechenland. Dort weiter über Patras und Korinth nach Athen und schliesslich zu den Kykladen mit Santorini, als Höhepunkt Kreta und alles wieder retour.


Der Leser sollte ein gewisses Interesse am klassischen Altertum mitbringen,


da der Autor, ein promovierter Kunsthistoriker, für dieses Thema brennt und nicht nur ausgedehnte Landpartien samt Gattin und Moped dafür unternimmt, sondern auch vor seitenlangen theoretischen Abhandlungen nicht zurückschreckt.

Erfreulich wird das Ganze nicht nur durch die umfassende Bildung und die Menschenfreundlichkeit des Autors, sondern vor allem durch sein Bemühen um differenzierte Urteile und umfassenden Selbstironie. So werden missglückte Anlegemanöver genauso geschildert wie allerlei Motorpannen und Meinungsverschiedenheiten mit der Gattin. Auch die Regel, je grösser das Boot – umso seltener wird es bewegt, lässt sich schon in den italienischen Häfen der Nachkriegszeit beobachten.
Bei aller Begeisterung für das klassische Altertum weiß der Autor aber auch, dass im alten Athen nicht alles golden war. Es gab elende Kinderarbeit und dass die Beschäftigung mit klassischer Kunst allein noch keinen edlen Charakter garantiert, wird an drastischen Beispielen verdeutlicht.


Man darf vom Autor keine kritische Analyse der zeitgenössischen Verhältnisse in Griechenland erwarten, dazu ist er zu sehr Kultur- und Segeltourist.


Bei manchen Begegnungen mit den „Eingeborenen”  im Kontrast zu den „standesgemässen” multilingualen Abenden in griechischen Akademikervillen fühlt man sich auch an Karl May mit seiner Mischung aus Herzlichkeit und Hochmut erinnert.

Erst Jahre später, mit eigenem Häuschen auf einer der Inseln, wird er zu einem differenzierten Blick auf die griechische Gegenwart finden.

Die finnische Schildt-Stiftung organisiert zu seinen Ehren tatsächlich auch eine mehrtätige Langstreckenregatta in der Ägäis. Die treuen Leser von SaF wissen ja bereits, dass die griechischen Gewässer auch für Segelpferde geeignet sind („Mit breiter Brust in der Ägäis”). Auch nach über 65 Jahren bietet „Im Kielwasser des Odysseus” immer noch eine lohnende Lektüre. Der Autor hat noch einige Folgebände, u. a. mit Törns auf den Nil und in das Schwarze Meer vorgelegt.

Alle Bücher sind nur antiquarisch, dafür aber für den Preis eines kleinen Milchkaffees zu erwerben, z. B. im grandiosen Design des Fischer-Taschenbuchs der Sechziger Jahre …

 

Ralf Waßmuth (Team Red Horse)

 

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