Offene Kielboote – Empfehlungen des ANWB

„außergewöhnlich und schön zugleich” – so bezeichnet das niederländische online-Magazin des ANWB, Pendant des deutschen ADFC, eine Auswahl von sechs offenen Kielbooten. Nach Ansicht des ANWB wird das Feld von „springlebendigen Senioren”. Sie sind nach wie vor die beste Wahl in dieser Klasse und gehören zu Holland „wie Tulpen und Käse”. Die Rede ist von Centaur, Efsix, Hoora-valk, Polyvalk, Randmeer und Sailhorse.

Für jeden das Richtige dabei

Ziel dieser Auswahl ist, die besten bzw. beliebtesten Daysailer vorzustellen. Diese Klasse ist bei den Holländern sehr beliebt und zwar in der Version als offenes Kielboot, d. h. ohne Kajüte und dafür mit viel Platz in der Plicht und einem stabilisierenden Kiel. Mit einem Wort: Eine kleine Yacht ohne Kajüte.

Diese „wahren” Daysailer kann man vielfältiger nutzen. An schönen Tagen sieht man „Hunderte” davon auf dem friesischen Meer, um einen perfekten Familientag auf dem Wasser zu verbringen. Man kann aber auch Regatten damit fahren. Oder darauf das Segeln lernen. Oder es perfektionieren. Oder einfach nur ausspannen.

Die Qual der Wahl – Foto: R. Wassmuth

Gute Gebrauchte

Die meisten Interessierten suchen nach Booten aus zweiter Hand. Auch dies bestimmte die Auswahl, denn die vorgestellten Boote werden bereits seit langer Zeit, bis zu 50 Jahre, gebaut. Im Unterschied zu modernen Kajütbooten, die max. nach 3 bis 5 Jahren bereits ein Nachfolgemodell brauchen. Die meisten Schwächen sind im Laufe der Jahre ausgemerzt. Beständigkeit zahlt sich eben aus.

Die lange Verkaufszeit mit hohen Stückzahlen bedeutet auch einen großen Gebrauchtmarkt in allen Preisklassen und Qualitäten. Gut für Käufer und Verkäufer – wie der Blick auf den Zweithandmarkt des ANWB zeigt.

Und die Gebrauchtpreise? Der ANWB kommt zu dem Schluss, dass die betrachteten Bootsklassen sich alle nicht viel tun. Mit der Ausnahme der „Randmeer”. Die Gebrauchten sind hier meist etwas teuerer im Verhältnis zum Neupreis, weil sie nicht nur ein gutes Image haben, sondern auch besonders treue Fans. Außerdem sei sie das Boot mit den besten Allrounder-Eigenschaften.

Die Gemeinsamkeiten

Allen vorgestellten Booten ist gemein: Sie zeigen Charakterstärke und machen nicht viel Aufhebens. Sie stellen sich nicht selbst in den Mittelpunkt, sondern ihre Segler. Durch ihre hohe Stabilität verzeihen sie kleine Fehler und bereiten ihren Crews selten unangenehme Überraschungen. Dies bedeutet: Konzentration auf den puren Segelspaß.

Trotzdem ist nicht jedes Boot für jeden Zweck gleich gut geeignet, doch mit dem vorgestellten Sextett fällt die richtige Wahl leichter.

Übrigens: Hier gibt es die detaillierte SaF-Übersicht zu den Fakten der Sailhorse-And-Friends-Bootsklassen und vertiefende Informationen.

Und los geht’s:

Centaur – der komfortable Tourensegler

Eine tiefe und breite Plicht mit Sitzbänken und ein langes Achtereck sind das erste, was an der Centaur auffällt. Abschließbare (aber nicht wasserdichte) Luken zum Vorschiff und Achterdeck bedeuten jede Menge Stauraum. Zugelassen ist das 6,2 m lange Boot für 5 Personen auf Binnengewässern. Praktisch bietet sie 4 Erwachsenen Platz.

Eine Einheitsklasse gibt es nicht. Die Zaadnoordijk-Werft hat immer großen Wert darauf gelegt, die Entwicklung der Centaur in eigenen Händen zu halten. Das führte dazu, dass sie immer im Touren- und Freizeitsegler-Segment blieb. Das tat ihr durchaus gut. Sie ist wirklich gut zu segeln und folgt dem Steuer auf kleinste Kommandos. Sie segelt sich schon fast wie eine kleine Yacht. Zum Wohlgefühl zählt allerdings auch frühes Reffen. Denn die 18,7 qm Segelfläche am Wind sind gar nicht wenig, was auch für die Segeltragzahl von 5,3 gilt. Gleitgeschwindigkeiten erreicht sie auch nicht. Man kann auch ins Trapez steigen, aber dies „bringt nicht viel”.

Durch den festen Kiel ist sie äußerst stabil, was aber auch eine Einschränkung beim Trailern bedeutet. Das tief liegende Cockpit bietet einen hervorragenden Schutz vor überkommenden Wasser und guten Sitzkomfort. Doch für zwei Personen ist es zu eng, um unter einem Deckszelt zu schlafen. Auch ein Außenborder ist durch das lange Achterdeck schlecht erreichbar, wobei neuere Versionen auch als „EP” mit innenliegendem Elektroanschub angeboten werden.

Centaur aus 1998 – Angebot für 4.950,- EUR beim ANWB

Sitzbänke bedeuten Komfort

Aber noch eine weitere, eher verborgende Eigenschaft zeichnet das seit 1960 gebaute Boot aus: Es gehört zu den ganz wenigen Booten, die aus glasfaserverstärktem Vinylesterharz hergestellt werden. Ein Material, das von den Profis als Osmoseschutz eingesetzt wird. Es ist damit praktisch osmosefrei.

Wer einen Gebrauchtkauf ins Auge fasst, sollte beachten, dass die Zaadnoordijk-Werft 1999 der Centaur eine Generalüberholung spendierte, die doch eine ganze Reihe von Verbesserungen brachte.


Vor- und Nachteile im Urteil des ANWB:

+ Feines Steuerverhalten

+ Komfortables Cockpit

– Motor schwierig erreichbar (wenn man einen im Achterschiff hat)


Efsix – Sportlich und schnell

Die Efsix ist quasi das Küken dieser Auswahl. Sie kam „erst” 1975 auf den Markt und soll das sportlichste Boot sein. Sie ist auch das kleinste, zumindest bezogen auf den Platz in der Plicht. Die Nacht auf dem Boot unter einem Deckszelt ist für zwei Erwachsene schon arg eng. Diesen Nachteil macht sie durch ihre Sportlichkeit aber mehr als wett – durchaus auch im Vergleich mit modernen Konzepten. Wobei die Segeltragzahl von 5,5 zwar nicht das Geheimnis sein kann (18,8 qm am Wind). Aber sie hat auch eine 5,35 m Wasserlinie und mit 8,90 m den höchsten Mast dieses Sextetts.

van de Stad Efsix aus 2012. Angebot aus boat24.com

Bereits ab 4 Beaufort kann sie in Gleitfahrt übergehen. Zieht man den Spinnaker gibt man dem Ganzen noch eine besondere Würze. Ein gemütlicher Daysailer ist die Efsix damit nicht. Es sei denn, man genießt lange Schläge im Trapez als Erholung.

Der aufholbare Kiel hat natürlich nicht ganz die Stabilität und Kurs-Präzision eines Festkiels, aber er ermöglicht das Erkunden neuer Gewässer. An jeder Trailerbahn kann die Efsix ohne fremde Hilfe ins Wasser – und natürlich wieder zurück.

Der Mast ist leicht zu setzen, zumindest unter Land. Ihn kurz zu streichen, um unter einer Brücke durchzuschießen, bedarf allerdings einiger Übung.

Auch die neuere Efsix 2000 gibt es nur in einer ausgeschäumten Version, so dass bei einem Gebrauchtkauf darauf geachtet werden sollte, ob sie Wasser gezogen hat.


Vor- und Nachteile im Urteil des ANWB:

+ Sportlicher Typ

+ Große Einheitsklasse

– Wenige ausgeprägte Allrounder-Eigenschaften


Hoora-Valk – der verfeinerte Klassiker

Eine große Plicht, die im Zweifel das Übernachten von 4 Personen ermöglicht, und ausgereifte Details wie eine geniale Mastlege-Vorrichtung zeichnen die gaffel-getakelte Hoora-Valk aus. Der Hoora-Valk ist die durch Erik Meijer in den 90iger Jahren verbesserte Version der Polyvalk – was man nicht auf den ersten Blick sieht.

Der zweite Blick offenbart: Vor allem der Rumpf ist deutlich höher, was eine trockeneres Segeln und mehr Sicherheit auch bei küstennahem Segeln bedeutet. Das Vorschiff ist schlanker, wodurch er im Verhältnis zu seinem „Original” mehr Höhe läuft und Wellen besser anschneidet. Daher gilt er unter den Valks als der schnellste, auch dank einer längeren Wasserlinie.

2006er Hoora-Valk für 8.600,- EUR. Angebot Hoora Watersport

Mehr Rumpf bedeutet aber auch mehr Gewicht. Mit fast 600 kg ist die Hoora-Valk das schwerste Boot unseres Vergleichs und hat gleichzeitig die niedrigste Segeltragzahl (5,0). Sportlich ist sie nicht und wohl am ehesten mit der Centaur zu vergleichen.

Die Herstellung erfolgt in einem durchgängigen Vakuuminjektionsverfahren, bei dem eine reproduzierbare Fertigungsgüte des GFK und eine hervorragende Biegesteife erreicht wird. Das merkt man durch hervorragendes Segelverhalten, hat aber auch seinen Preis.

Der feststehende Kiel verhindert leichtes Trailern. Der Doppelboden bringt Sicherheit durch Auftrieb.


Vor- und Nachteile im Urteil des ANWB:

+ Verbesserte Valk

+ Hervorragende Segeleigenschaften

– Wenige ausgeprägte Allrounder-Eigenschaften


Polyvalk Ottenhome – Bezahlbar und einfach

Der Polyvalk kann wohl als das Brot-und-Butter-Boot der holländischen Gewässer bezeichent werden. Die Variante aus der Werft Ottenhome ist wohl das Boot, das dem 1939er Original aus der Feder Ricus van de Stads am nächsten kommt. Allerdings in Polyester, wie der Name schon sagt, was deutlich niedrigere Herstellungskosten bedeutet. Für Segelschulen und Bootsvermieter immer noch klar die Nummer Eins. Auch fürs Familiensegeln am Nachmittag ist sie bestens geeignet.

2002er Polyvalk für 4.200,- EUR. Angebot durch Hoora Watersport

Wer also einfach segeln und dabei wenig Aufwand betreiben will, ist mit der Polyvalk bestens bedient. Sie ist mit viel Material gebaut und hält viel aus. Manche sagen, eine Kugel würde den Rumpf nicht durchschlagen. Mit einer Segeltragzahl von 5,1, 550 kg Gewicht und 17,5 qm Segelfläche hat sie mit die „unsportlichsten” Werte.


Vor- und Nachteile im Urteil des ANWB:

+ Sehr großer Gebraucht-Markt

+ Puristisch

– etwas holzschnittartiges Segeln


Randmeer – der Allrounder

Ebenfalls eine geräumige und bequeme Plicht – gleichzeitig genug Fallen und Strecker bis hin zum Bierstrecker, um den besten Trimm zu erreichen. Das fällt bei der Randmeer auf den ersten Blick ins Auge. Als vielleicht ältestes aus Polyester gebautes dieser Reihe. Wieder ein van de Stad-Riss, diesmal aus 1961. Bereits 1962 wird das Boot offiziell nationale Regattaklasse, was ihr zu einem hervorragendem Ruf verhilft. Ihr Designer hatte größere Binnengewässer im Visier und kombinierte Geschwindigkeit mit Komfort in hervorragender Weise.

Randmeer aus 1978, gesehen bei ANWB

Die Segeltragzahl ist mit 5,2 für ein Regattaboot nicht sehr hoch, die Segelfläche am Wind mit 17,3 qm auch eher gering, Trotzdem wird sie in den Niederlanden mit einem SW-Rating von 108 gewertet, mit der Efsix der beste Wert.

Diese 1978er Randmeer ist eine Advance-Version

Vielleicht liegt es an einer Besonderheit unter dem Schiff: Die Randmeer ist ein Kielschwerter, d. h. sie hat einen sehr kurzen Kiel an einem relativ langen Schwert, das auch während der Fahrt aufgeholt (0,55 bis 1,15 m) werden kann. Gleichzeit ist sie damit trailerbar. Und die Wasserlinie ist mit 5,50 die längste unseres Sextetts. Auch ist sie mit 500 kg gar nicht so schwer – dem kurzen Kiel sei’s gedankt.
Das große Cockpit ist perfekt für Campingfahrten und bequem für 4 Personen.

Dank der Aktivitäten der Einheitsklasse ist die Randmeer sehr beliebt, was höhere Preise auch für Gebrauchte bedeutet.

Beim Kauf ist zu beachten, dass die Touringversion ein durchgestecktes Ruder und einen Festkiel hat. Sie zählt nicht zur Einheitsklasse. Die Variante „Advance” hat, im Gegensatz zur Classic, einen Doppelboden, der komplett zu entleeren ist.


Vor- und Nachteile im Urteil des ANWB:

+ Beste Allrounder-Eigenschaften

+ Hervorragende Segeleigenschaften

– Teuer


Sailhorse – Segelspaß pur

Das größte Vergnügen hatten die Tester offensichtlich mit der Sailhorse. Nach Ansicht des ANWB vielleicht die unbekannteste Klasse in unserem Vergleich. 1970 nach einem Riss von Tom Manders auf den Markt gebracht hat sie nicht die gebührende Aufmerksamkeit erhalten. Dies liegt wahrscheinlich an der wechselhaften Bauqualität der ersten Jahrzehnte (wer Näheres über die Unterschiede der verschiedenen Baureihen wissen will, schaut hier). Denn wenn man nur auf die Segeleigenschaften blickt, ist es sicher das ansprechendste Boot dieses Sextetts. Es ist für Anfänger und auch für anspruchsvolle Segler ein sehr feines Segelboot. Trapez und Spinnaker erhöhen den Spaß – wenn man denn will.

Z. Zt. gibt es keine aktuellen Sailhorse-Angebote, daher hier „Izabel” aus unserer Marktrecherche April 2017

Die Rumpfform mit ihrem breiten Unterwasserschiff ermöglicht Gleitfahrten wobei sie mühelos zu kontrollieren bleibt. Die Daten unterstreichen diese Einschätzung: Mit einer Segeltragzahl von 5,8 und 21,1 qm Segelfläche hat sie die höchsten Werte unseres Vergleichs vorzuweisen.

Izabel wurde 2017 für 4.750 EUR angeboten.

Mit einem Hubkiel ausgestattet hat sie eine hohe Stabilität und ist gleichzeitig einfach trailerbar. Durch ihren Dom, ähnlich wie bei der Efsix, ist sie auch erstaunlich trocken zu segeln. Lange Campingtouren sind zumindest für zwei Personen leicht zu machen, zum Freizeitsegeln passen vier aufs Boot.

Dank einer aktiven niederländischen Klassenvereinigung wird die Sailhorse noch heute gebaut.


Vor- und Nachteile im Urteil des ANWB:

+ Sehr gute Segeleigenschaften

+ Stabil

– Wechselhafte Bauqualität


Nachsatz

Wer mehr über Sailhorse und ihre Freunde wissen will, wird natürlich auf den Seiten von Sailhorse-And-Friends fündig. Eine genauere Beschreibung und eine Übersicht zu einigen der hier genannten Boote findet Ihr auf unserer rechten Seite unter „Die Sailhorse und …”)

2 Kommentare

  • ich habe lange Jahre eine Sailhorse der ersten Fertigungen nach der Seahorse vorwiegend auf Binnenseen ,Ruhrstausee ,Harkortsee, in Holland und ähnlich gesegelt, auch mit den Problemen der Wasseraufnahme des Schaums usw. später Katamaran. Als Familienboot mit Kindern ideal für diese Teiche,
    Gerne würde ich mir wieder so ein Boot der neuesten Generation anschaffen.
    MfG
    Hans Vorwohlt

    • Hallo Hans!

      Was hindert dich? Ich selbst segele kein Boot der neuesten Generation „Typ G“. Aber schon ein Hohlkammerboot. Davor auch ein ausgeschäumtes. Die leidigen Probleme mit eingedrungenem Wasser im Schaum kenne ich also, aber das ist mit den Hohlkammerschiffen vorbei. Und die neuesten Boote „Typ G“ sind – nach meinen Beobachtungen und Gesprächen mit den Eignern – nochmals eine ganze Ecke besser. Leichter, trotzdem steifer und stabiler, sehr schnell. (Anfangs gab es einige Probleme mit der Bauausführung hauptsächlich bei den Beschlägen. Auch vorbei). Und mit Dirk Jahnke in Rostock ein deutscher Händler, der selbst viel Erfahrung mit diesem Boot und moderner Technik hat. Also beste Voraussetzungen, oder?
      Seglergrüße

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