Das Gennaker-Projekt – ein Nachtrag

M.F. hat den Gennaker-Beitrag mit Überlegungen zum Schnitt des Segels, der Länge des Baumes und dem Einsatz von Barberholern kommentiert. Das hat Justus zum Anlass genommen, auf diese Punkte detaillierter einzugehen, was unsere Kommentarfunktion sprengen würde.

„Moin M.F., moin Sailhorse-Freunde,

Gennaker-Schnitt und Barberholer

nach meiner Markt-„Recherche” bei der Vorbereitung des „Gennaker-Projekts” habe ich zwei Grund-Typen von Gennakern ausgemacht:

  • Die einen werden auf leichten, spritzigen Booten gefahren, Skiffs, Catamaranen etc., auch der RS200 und ihren Schwestern. Die „Rüssel” sind generell relativ lang, je nach Typ fast noch einmal so lang wie die Bootslänge selbst. Da sich dadurch der Segelhals deutlich nach vorn verschiebt, entsteht ein Segelschnitt mit kürzerem Achterliek, damit das Schothorn nicht zu dicht an Deck liegt, sondern [wie beim Spinnaker] hoch über Deck gefahren wird. Dort ist der Einsatz von Barberholern sinnvoll. Aber ob damit das Überfahren der jeweils nicht aktiven Schot verhindert wird?
  • Anders ist es zum Beispiel bei Fahrtenbooten und größeren Yachten, wenn sie nicht primär „sportlich” gesegelt werden: Dort wird der Gennaker-Hals meist nur an einem kurzen Bugspriet, häufig eine Art Planke im Bugkorb [oft Aufhängung für den Anker] angeschlagen. Es entsteht nun ein relativ schmales Dreieck zwischen dem Vorstag und dem Vorliek des Gennakers. Dieser steht dadurch aufrechter, Vorliek und Achterliek sind annähernd gleich lang. Das Schothorn liegt deutlich niedriger, aber auch weiter achtern. Es gibt eine Reihe von Zwischenformen, Genua-2, Code-Zero etc.: Je größer die Segelfläche, desto bauchiger, desto leichter die Stoffe – daher generell „Leichtwindsegel”.

Bei meiner Suche fand ich den Riss der UNAS in Länge und Höhe dem der SAILHORSE sehr ähnlich. Dort wird der Gennaker-Hals an einem kurzen Stropp direkt am Bugbeschlag angeschlagen, was bedeutet, dass das Schothorn bei einer Unterlieklänge von 4,5 Metern weit hinter der Mitte des Bootes liegt!

Den UNAS Gennaker kann man hier ganz gut nachvollziehen. Wenn man den Hals durch ein langes Bugspriet zu lang nach vorn zieht, dreht sich die Segelfläche um den Punkt des Fallblocks oben am Mast. Dadurch wandert das Schothorn mit nach vorn, aber eben auch immer weiter runter zum Deck. Der Unterschied der UNAS-Installation zu meiner sind deshalb eigentlich nur die knapp 75 CM Bugspriet. Der zum Nachrüsten zu Kaufende von Pfeiffer ist auch nur ein kurzer Stummel,  wahrscheinlich kürzer als unserer.

Pfeiffer Bugspriet

Er ist also so etwas wie eine riesige Leichtwindgenua. Ob da ein Barberholer überhaupt etwas bewirkt, müsste getestet werden.

Die Entscheidung, mein „Projekt“ mit einem UNAS-Gennaker anzugehen, fiel bei uns eher durch Zufall: Nachdem ich die Bootsmaße der beiden Boote verglichen hatte, fand ich halt einen günstigen Gebrauchten, habe also zugegriffen nach dem Motto „Das muß doch eigentlich passen!” Wer ansonsten die innovativen Ideen von Stöberl versteht, weiß auch, daß er sich beim Design des Gennakers vor allem zweierlei gedacht haben wird: Schnelligkeit auch bei leichterem Wind und einfache Handhabung auch „einhand”!

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte, daher hier RS 200 und UNAS/Sailhorse-Gennaker gegenübergestellt:

RS 200 Gennaker

UNAS-Gennaker

 

 

In der Konsequenz des nun vorhandenen Segelschnitts darf der Rüssel nicht allzu lang sein, es sei denn man bringt einen zusätzlichen Fallblock deutlich höher am Mast an, damit das Schothorn höher steht. So weit waren wir noch nicht.

Noch ein paar Worte zum Bugspriet

Auch diesen Punkt bin ich etwas laienhaft angegangen. Carbon als Material [dachte ich] sei stabil, leicht und sieht natürlich unheimlich cool aus. Ich fand eine Stange/Rohr von 1,5 Meter Länge, hiervon die Hälfte vorn rauszuschieben, kam mir passend und ausreichend vor. Ein kleines Problem war damit auch am anderen Ende der Stange gelöst: wegen der großen Beule an Deck der Sailhorse, dem sogenannten „Dom” kann man kaum mehr als 1,5 Meter „einfahren”, wenn der Bugspriet außer Gebrauch ist. Das passte also.

Zum Material habe ich inzwischen etwas Theorie lernen müssen – von meinem Freund Tilman, der am Bodensee Bootsbauer gelernt hat, Spezialität: Carbonteile „backen”. Carbon-Verbundteile sind extrem steif, aber u. a. auch spröde. Er hätte ein einfaches, auch natürlich billigeres, ausreichend dimensioniertes Alurohr empfohlen.

Foto: J. Pinckernelle

Es gibt an der Carbonstange zwei denkbare Schwachpunkte: Es kann am Austritt aus dem bugseitigen Führungsauge akut abbrechen, da auch das Wasserstag nur Kräfte abfängt, die nach oben ziehen, nicht aber seitlichen Zug. [Diesen durch weitere, seitliche Verstagung abzufangen, wäre beim Sailhorse denn doch zu viel Aufwand.] Zweiter Punkt: bei einem frontalen Stoß kann das Ende, in welchem der Spi-Beschlag einlaminiert ist, diesen schlecht kompensieren und könnte wegen seiner Sprödigkeit splittern. [Laminieren statt zu nieten, hat er übrigens gelobt, ebenso die Holzmuffen im Stahlrohr: Carbon mag scharfe Kanten überhaupt nicht!]

Für beide Schwachstellen haben wir eine nachträgliche Lösung überlegt: das Rohr selbst bekommt durch ein passendes innenliegendes Alurohr zusätzliche Stabilität, satt mit 2K-Kleber einlaminiert. Eventuell bekommt das vordere Ende eine zusätzliche Außenmanschette, um kurze Stöße abzusichern.
Beide Maßnahmen wären überflüssig gewesen, hätte ich ihn vorher um Rat gefragt.

Soviel zum Zwischenstand. Tests werden wohl frühestens nach Himmelfahrt oder Pfingsten folgen.

Gruß, Justus Pinckernelle.”

 

Ein Kommentar

  • Vielen Dank für diesen tollen Nachtrag. Sehr informativ!

    Ich war nach dem ersten Artikel neugierig und habe selbst mal nach der Unas gegooglet, aber ich hatte kein Bild mit gesetztem Gennaker gefunden. Bei dem Bild im Artikel ist mir dann auch direkt ein Unterschied zu den kleinen Rennern aufgefallen, nämlich die eingerollte Fock. Bei den kleinen Booten wie RS200 gibt es keine Rollfock, auch das ablassen während der Fahrt ist nicht vorgesehen, dort wird die Fock einfach stehen gelassen wenn der Spi gesetzt wird. Auf Halbwindkursen würde ohne den langen Rüssel das Gennaker im Windschatten der Fock stehen, auf größeren Booten kann man das durch Einrollen der Fock umgehen und spart sich die Probleme die durch den langen Rüssel entstehen.
    Überhaupt sind die kleinen Renner auf einfache Handhabung optimiert, auf den Booten gibt es erstaunlich wenig komplexere Technik, sie müssen denke ich vor allem leicht sein und durch die Empfindlichkeit auf Gewichtstrimm kann man sich auch kaum frei bewegen. Das Gennaker mit Barberholern funktionierte ganz gut, Probleme mit überfahrenen Schoten hatten wir nicht. Ich denke ein Grund dafür ist aber auch das von dir angedeutete hochliegende Schothorn, die Spi-Schoten laufen allgemein viel höher und durch eine unendlich geführte Schot wird die Lose automatisch kurz gehalten.
    Nach ein wenig weiterem Herumsuchen habe ich nun auch gesehen, dass die meisten Fahrtenboote einen deutlich länger nach hinten heraus geschnitten Gennaker haben und ohne Barberholer gefahren werden. Mich wundert es dabei etwas, dass es dort nicht auch häufiger Probleme mit überfahrenen Schoten gibt…

    LG,
    Manuel

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