Sailhorse goes Achterwasser

Achterwasser – unter Sailhorsern ein Gewässer mit besonderem Ruf! Sozusagen ein „Mittelding” zwischen geschütztem Binnengewässer und offener See. Eine erste Ahnung von sich aufbauenden Wellen. Begeisterung ob der Natur und auch der Ausflugs- und Essensmöglichkeiten (Fisch). Auch andere Segler schwärmen vom Achterwasser – allerdings mit der Einschränkung: Verdammt flach!

Das wollten wir erleben und machten uns auf den Weg, eine Woche auf dem Achterwasser zu segeln. Unser Ziel war allerdings nicht das touristische Programm (Restaurants, Sehenswürdigkeiten etc.), sondern möglichst viel Zeit auf dem Wasser zu verbringen.

Tipps und Informationen fanden wir im Vorfeld reichlich. Allerdings konnten wir schnell feststellen: Das Achterwasser verändert sich durch touristische und wasserwirtschaftliche Maßnahmen, so dass es mit der Aktualität von Tipps so eine Sache ist. Auch fanden wir recht wenig Infos, die auf flachgehende, offene Kielboote und das Segeln überhaupt zugeschnitten sind.

Die Anfahrt

Von Berlin aus schickte uns das Navi im LKW-Modus (wir haben einen 80-km/h-Trailer) über die B96, also Gransee-Neubrandenburg-Wolgast, zumal wir eine Ferienwohnung auf der Halbinsel Gnitz gemietet hatten. Selbst an einem Freitag war die Strecke frei, das Nadelöhr Wolgast heute breit genug, der Usedom-Hauptstau erst vor den Kaiserbädern und die Fahrt durch eine schöne Landschaft entspannt.

Ab ins Wasser

Aber wo? Tipps von Kameraden: Krummin oder Nestelkow. Wir sind beide angefahren. Dabei stellte sich heraus:

Krummin

Der Naturhafen Krummin mit der Kategorie „C” (= netzergänzender Hafen mit > 1,80 m Wassertiefe in der Zufahrt, konkret sind das hier 2,50 bis 3,30 m und im Hafen 1,50 bis 2,50 m) hat 90 Plätze für Dauer- und 60 für Gastlieger sowie sehr gute Sanitäranlagen, die in der Qualität nur noch in Rankwitz, Lassan und Stagnieß zu finden sind. Es gibt Pläne, den Hafen mit weiteren 60 Liegeplätzen auszubauen. Krummin ist sehr naturnah und gepflegt – hat aber (trotz gegenteiliger Beteuerungen von Kameraden) keine Slipstelle!

Die Ansteuerung gilt als leicht bei jedem Wind und Wetter – wenn man das ausgetonnte Fahrwasser einhält. Ohne Motor ist das wieder nicht bei jedem Wind „sehr leicht”, da das Fahrwasser lang und schmal ist und ggf. Welle erschwerend hinzukommt. Bei uns war das der Fall: Der Nordost hatte durchaus Fläche genug, ein wenig Welle aufzubauen und dann am Wind in den Hafen steuern – wir dachten schon, dass es doch besser gewesen wäre, den AB mitzunehmen.

Netzelkow

Vor Ort gab man uns den Tipp, in Wolgast zu slippen. Doch den uns noch unbekannten Peenestrom entlang schippern und dann gegen den Wind ins Krumminer Wiek? Wir suchten einen anderen Hafen auf: Netzelkow.

Im Vorfeld telefonierten wir mit dem privaten Betreiber des Hafens. Sailhorse kenne er, und es wäre kein Problem hier zu slippen. Die Slipstelle stellte sich allerdings als in die Jahre gekommener Fahrkran heraus, der vor allem die Frage offen ließ, wie denn das Gestell an dem aufgerichteten Mast vorbeikomme. Denn den Mast im Wasser zu stellen erschien uns angesichts des lebhaften Schwells und der fehlenden, gesicherten Anlegemöglichkeiten doch recht abenteuerlich.

Der Hafen (Kategorie „D” = netzergänzend für flache Bootstypen eben wie die Sailhorse) selbst hat 100 Liegeplätze, 40 für Dauer- und 60 für Gastlieger. Die Wassertiefe liegt zwischen 1,50 und 3,00 m, die Zufahrt hat 2,40 m. Die Liegeplatzbedingungen sind allerdings suboptimal. Trotz Wellenbrechern kann bei südlichen und westlichen Winden ordentlicher Schwell auflaufen. Dafür ist er allerdings wegen seiner Geschichte als Industriehafen auch nachts, zumindest eingeschränkt, ansteuerbar, wenn auch ein bis 1992 vorzufindendes Fahrgastschiff am Ende der Steganlage als Orientierungspunkt nicht mehr vorhanden ist.

Zinnowitz

Auch in Lütow gibt eine kleine Anlegestelle für flache Boote (Kanus, Kähne usw.), aber nicht für Sailhorse.
Schließlich empfahl man uns also Zinnowitz. Und tatsächlich: Dieser seit 2011 ausgebaute, und vom Zinnowitzer Yachtclub betriebene, moderne Sportboothafen (manche trauern einem alten, „naturnahen”, Zustand hinterher) hat eine Slipstelle!

Ok, sie erschien uns ein wenig steil und beim Aufslippen hatten wir beim feinen Spiel von zuviel und zuwenig Gas tatsächlich (ohne Vierrad) kurz durchdrehende Vorderräder. Aber wenn es nicht geklappt hätte: Der örtliche Yachtclub hat einen Hafentraktor und im Fall der Fälle gibt es auch einen Hafenkran.

Der Hafen wurde erweitert, vertieft und modernisiert. Außerdem wurde ein neues, modernes Funktionsgebäude mit Hafenbüro, Sanitärtrakt und Club-Restaurant errichtet. Alles etwas groß für eine Sailhorse, vor allem bei Niedrigwasser. Aber über Platzmangel konnten wir uns nicht beklagen. Wir mussten sogar unsere Festmacher verlängern. Zunächst sollten wir im Hafen an eine Vor-Kopf-Stelle. Aber ohne Motor wollten wir nicht im Hafen gegen den Wind manövrieren, so dass wir uns an eine Außenstelle legten. Der ganze Hafen ist eigentlich bei jeder Windrichtung geschützt und für eine Sailhorse auch ohne Motor ansteuerbar. Wir hatten also unseren Ausgangs-Hafen für unsere Segeltouren gefunden.

Das Segeln

Eine Woche wunderbares Segelwetter. Fast immer gute 3 Bft, die sich auf dem großen Wasser wie mindestens 4 anfühlen. Durch den recht stetigen Wind hätte es gerne etwas mehr sein können.
Das beeindruckendste für uns Havel- und eher Regattasegler: Fast alleine auf dem Wasser bei stetigem Wind! Das Gefühl, sich nach einer guten Stunde zu räuspern und dann zu fragen: „Du, sag mal, soll’n wir mal wieder eine Wende fahren?”
Das Hand-GPS musste tatsächlich Orientierungsaufgaben erfüllen.

Dabei entstand eine meditative Grundstimmung. Auch Schläfrigkeit. „Oh, dahinten ist ein anderes Boot! Sollen wir mal hinsegeln?” – „Och, ich weiß nicht.” Segeln nur zur Erholung – völlig neue Erfahrung für uns. Es ist ja auch eine Lagune (des Peenestromes) und so fühlte es sich auch an.


Einmal schlief dann doch auch der Wind ein. Und wachte erst mal nicht mehr auf. Hmm, lieber den Bug in Richtung Hafen lenken. Das GPS vermeldete: Ankunft nach 22 Uhr! Es war heiß, (glücklicherweise nicht stechende) Mücken überfielen uns zu Hauf.
Was tun ohne Motor? Spi raus, aber es war auch dazu nicht genug Wind, er schlappte so herum.
Die Idee: Spi ausbaumen! Auf der einen Seite der Baum, auf der anderen der Bootshaken. Großsegel relativ dicht holen, um einen Hauch von Wind einzufangen und auf den Spi zu leiten. Und tatsächlich, wir bewegten uns wieder. Ankunft immerhin auf 20:00 Uhr prognostiziert. Trotzdem, spaßig war das nicht, bis dann doch der Wind zurückkehrte und uns erlöste.


Die nächste Nacht überfielen die Mücken dann die Hafenlieger: Sie flogen gegen Wände und verendeten dort. Tipps wurden ausgetauscht, wie die hartnäckigen Reste wieder entfernbar wären. Cola war die gängigste Lösung. Und die Erkenntnis, dass man im Mai und im August mit so etwas rechnen muss.

Das Gewässer

Wir haben viele Geschichten gehört von Kameraden, die im Achterwasser aufsetzten oder über Steine holperten. Die Hafenmeisterin, darauf angesprochen, meinte, für ein Boot mit 90 cm Tiefgang wäre das Quatsch, da müsse man nichts beachten, außer den Seezeichen natürlich. Untiefen wären (mittlerweile) alle ausgetonnt.

Das deckt sich mit unserer Erfahrung: Man sollte aktuelle Karten haben und Zeichen kennen und beachten!
Z. B. ist der ehemalige Straßendamm zwischen der Halbinsel ‚Gnitz‘ zur Insel ‚Görmitz‘ mittlerweile zurückgebaut. Anstelle des Damms ist allerdings eine Untiefe bei Normalpegel mit ca. 0,8 m entstanden. Selbst für die Sailhorse zu flach. Aber sie sind durch zwei unbeleuchtete gelbe Fasstonnen mit Aufdruck ‚Damm W‘ bzw. ‚Damm O‘ gekennzeichnet.

Gefahrenstellen sind wirklich gut mit schwarz-gelben länglichen Tonnen, den sogenannten Kardinalzeichen, angezeigt. Wenn man sie zu lesen weiß, erkennt man auch den Weg, den es um das Hindernis herum gibt:

Kardinale Zeichen geben allgemeine Gefahrenstellen an, und an welcher Seite sie am günstigsten passiert werden können. Das Gebiet wird in 4 Quadranten geteilt: Nord-, Süd-, West- und Ostquadrant.

Von Denelson83 – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6100381

Vielleicht noch wichtiger ist es, die Fischereizeichen zu kennen. Denn die kommen durchaus öfter vor. Zwei rote Flaggen und rote Kanister oder Ähnliches heißt: Netze reichen bis zur Wasseroberfläche. Schwarze Flaggen bedeuten Angelschnüre und Aaalreusen.

In Ufernähe soll es noch Untiefen und Bereiche mit großen Steinen unter Wasser geben – wir haben sie nicht getestet!

Tschüss Achterwasser

Segeln auf dem Achterwasser ist klasse. Wenn man, wie wir, die stets recht vollen Berliner Gewässer mit Winddrehern gewohnt ist, gleicht das Segeln bei leichtem bis moderate Wind auf dem Achterwasser einer Meditation: Lange Schläge und nur das Rauschen des Windes, das Plätschern des Wassers und Möwengeschrei in unseren Ohren.

Ruhe und Konzentration für Segeltrimm: Segel können eingestellt, beobachtet und korrigiert werden. Spi-Segeln ist hier ein Muss, denn viel Platz macht es möglich, den Spi ohne große Ablenkung zu fahren und auch den anspruchsvollen Trimm zu üben.

Wunderbar großes und leeres Revier, das achtsam befahren werden sollte. Fernglas, Karten und Kompass sind notwendig zur klaren Orientierung. Zu beachten sind die Fischernetze. Meistens liegen sie zwischen 2 Bojen, die mit je 2 roten Flaggen gekennzeichnet sind. Keinesfalls hindurchfahren, denn ein Teil der Netze liegt direkt unter der Wasseroberfläche. Zu beachten ist auch guter Sonnenschutz, Sonnenschutz-Shirts und Kappen, und je nach Jahreszeit: Mückenschutz.

Für uns steht jedenfalls fest: Wir kommen wieder. Nächstes Jahr zwei Wochen?

2 Kommentare

  • Nachtrag zu Krummin:
    Krummin ist ein wirklich schöner Naturhafen, und deshalb als Basis, oder Ausgangs-/Zielhafen wirklich sehr zu empfehlen. Wir (Charlotte van Dijk, Henk, damals auf „Wings“, Christiane und Olaf auf „Capriole“) haben uns dort vor etlichen Jahren getroffen, um von dort als Ausgangs- und Zielhafen eine Tour auf Achterwasser, Peenestrom und Greifswalder Bodden zu segeln. Den Hafen haben wir für diese Zwecke als wirklich toll empfunden. Es gab damals auch ein Restaurantschiff im Hafen. Gern genommen. Aber es gab(!) auch eine einfache, aber ausreichende Slipmöglichkeit im Hafen. Die Trailer konnten kostenlos während unserer Tour stehenbleiben. Solche Gegebenheiten können sich im Laufe von Jahren natürlich ändern, aber weil das so ein schöner Basishafen ist, lohnt es sich bestimmt, mal ganz genau zu recherchieren, ob man dort wie damals noch slippen kann, oder eben heute nicht mehr.
    Der Hafen ist ansonsten eine Empfehlung (von mir).

  • Auch ich finde das Achterwasser für Sailhorse (and friends) ein Top-Revier. In Stagnieß gibt es eine Kombination aus Campingplatz, Hafen und Slipbahn. Dort habe ich schon geslipt und anschließend lag die Sailhorse direkt vor dem Zelt. Nett! Sehr naturnah, einfach und sympathisch. Allerdings ist die Hafenzufahrt ein relativ langes, enges Fahrwasser, das nicht bei jedem Wetter ohne Motor zu schaffen ist.
    Ganz leicht nördlich davon ist der kommunale Hafen von Ückeritz. Der hat auch eine Slipbahn und moderne (sterile) Liegeplätze. Aber zu der Zeit, als ich dort segelte, war die Wassertiefe in der Hafenzufahrt nur 0,6m. Ein Segelfreund hat mir erzählt, dass dort längst tiefer ausgebaggert ist (?).
    Ein GPS hatte ich auf den Achterwasser nicht, und habe es auch nicht vermisst, da man immer Landsicht hat. Allerdings bin ich nie in dichten Nebel geraten.
    Für Tourbegeisterte ist auch toll, dass man aus dem Achterwasser über den Peenestrom nach Süden auf das Haff, und nach Norden ggf. bis in den Greifwalder Bodden/Rügen segeln kann.
    Ich bin dort vor vielen Jahren gesegelt, also sind die Infos evtl. veraltet!

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