Ein Schießbaum für Grisu

Von M. Fohler

Bei unseren niederländischen Sailhorse-Kameraden weit verbreitet, in Deutschland eher seltener anzutreffen: Der Spinnaker-Schießbaum oder „de vliegende spinnakerboom”.
Iris und Manu leben in England, haben sich der Sache angenommen und GRISU umgerüstet. Hier ist ihr spannender Bericht:

In England kommen wir Dank der deutlich konstanteren Winde als in Berlin recht häufig dazu, das Segeln unter Spinnaker zu üben.
Allerdings hat uns das Handling des Spinnakerbaums immer wieder Probleme bereitet und auch die meiste Zeit gekostet. Ein Problem war, dass Iris nicht ohne weiteres den Baum von der Plicht aus am Mast einpicken konnte und dazu aufs Deck steigen musste.

Die Lösung unseres „Baumproblems” haben wir im sogenannten Schießbaum gefunden, im englischen ’Spiro’ oder ’Pole Launcher’ genannt, bei holländischen Sailhorsern als ‚de vliegende spinnakerboom’ bekannt. Auf Regatta fokussierte Klassen wie die 505er, fahren sogar zwei Spinnakerbäume (einen auf jeder Seite des Großbaums).

Wir beschreiben hier Funktionsweise und unsere Erfahrungen mit dem Schießbaum. Eine genaue Anleitung mit Teileliste für das Anbauen des Schießbaums, die wir auch genutzt haben, ist bei der holländischen Klassenvereinigung und auf Anfrage sicher auch bei SaF verfügbar.

Der Aufbau

Am Mast wird eine Rolle an dem Punkt angebracht, an dem normalerweise der Spinnakerbaum eingepickt wird. Über diese Rolle wird eine Holeleine vom Deck aus kommend umgelenkt und an den vormaligen Spibaum-Endbeschlag des Spinnakerbaums geführt.

Holeleine läuft über Umlenkrolle zum hinteren Teil des Spibaums. Foto: M. Fohler

Topnant und Niederholer werden zum vorderen Ende des Spinnakerbaums verlegt, so dass der Topnant im „eingefahrenen” Zustand senkrecht am Mast herunterhängt und den Spinnakerbaum am vorderen Ende in der Luft hält. Der Spibaum wird also an zwei Punkten vorne und hinten in der Luft gehalten und kann mehr oder weniger frei pendeln.

Spibaum hängt „frei” an zwei Punkten. Foto: M. Fohler

Zieht man nun an der weißen Holeleine, wird das hintere Ende des Spinnakerbaumes an den Block am Mast herangezogen und sitzt nach Belegen der Holeleine am Spibaum-Beschlag des Mastes. Er muss also nicht eingehakt werden.
Vorne am Topnant hängend pendelt der Spibaum vor dem Mast und findet fast automatisch seine korrekte Position. Der Spibaum-Niederholer muss dafür frei laufen können, sonst blockiert er die Pendelbewegung des Spibaums.

Spibaum sitzt sicher auf dem Mast auf. Foto: M. Fohler

Um den Spinnakerbaum neben dem Großbaum in Position zu halten und auch vom „ausgefahrenen” Zustand wieder zurück an den Großbaum zu ziehen (dazu die weiße Holeleine fieren), wird ein Gummiband aus dem Großbaum heraus über eine Rolle an das hintere Ende des Spinnakerbaums geführt. Dieses Gummiband ist insgesamt etwa 7.5 m lang und wird vom vorderen Ende des Spinnakerbaums durch den Spibaum hindurch über die Rolle ins Innere des Großbaums und dort zweimal über die Länge des Großbaums geführt, um bei gesetztem Spinnakerbaum nicht zu viel Zugspannung im System zu haben.

Austritt des elastischen Tampens zum Spibaum. Foto: M. Fohler

Im gesetzten Zustand sieht es dann so aus wie im nächsten Bild. Die Hauptunterschiede zur „normalen” Führung sind, neben der Verbindung zwischen Mast und Spibaum, die Angriffspunkte für Topnant und Niederholer, sowie das Gummiband zwischen Groß- und Spibaum.

Spibaum im gesetzten Zustand. Foto: M: Fohler

Wir haben möglichst wenig umgebaut und viele Teile wieder verwendet. Daher sieht unsere Umsetzung noch etwas versuchsmäßig aus und wird sicher noch verbessert werden. Die meisten Modifikationen müssen am Spibaum und am Großbaum vorgenommen werden. Die Umlenkrolle am Mast und die Endkappe am Spibaum sind improvisiert und nicht optimal, es gibt für diesen Zweck spezielle und kostspielige Beschläge von Selden. Viele holländische Sailhorse haben eine fest angebrachte Rolle und einen Beschlag, der ein wenig nach Kleinserie aussieht (kann man etwa auf den Bildern des letzten EuroCups finden).

Lösung auf SUNHORSE für Umlenkrolle. Foto: N. Altenhöner

Die Handhabung

Das Setzen des Spinnakers verändert sich durch den Schießbaum nicht, man spart sich nur ein paar Handgriffe beim Anschlagen des Baumes.
Die Halse unter Spi läuft dagegen etwas anders ab. Da der Baum nicht mehr symmetrisch ist, kann er nicht mehr nach der Halse auf die andere Seite „umgepickt” werden Er muss daher vor der Spi-Halse – vor dem Wind –eingefahren und nach der Halse auf der neuen Seite wieder angeschlagen werden.

Der Spinnakerbaum funktioniert ähnlich gut auf beiden Seiten, auch wenn er auf einer Großbaumseite befestigt ist. Wir haben den Baum, anders als die meisten Holländer, auf Steuerbord angebracht. Wir dachten, er lässt sich einfacher anschlagen wenn wir den Spinnaker auf unserer bevorzugten Seite Backbord setzen und der Großbaum auf Backbord steht. Allerdings zeigte sich in der Praxis, dass er tatsächlich etwas leichter hinter dem Großbaum ausfährt, fürs Setzen auf Backbord also etwas vorteilhafter auf der Backbordseite des Großbaums positioniert wäre.

Unsere Erfahrungen

Wir sind bisher sehr zufrieden mit den Schießbaum! Selbst in unserer improvisierten Version funktioniert er deutlich besser und schneller als das Anschlagen „per Hand”. Natürlich erkauft man sich die Vorteile mit höherer Komplexität: eine weitere Holeleine am Mast und eine zusätzliche Umlenkung und Klemme auf Deck.

Topnant und Niederholer durch Holeleine ersetzt. Foto: M. Fohler

Ein Nachteil ist, dass der Spinnakerbaum durch das Gummiband fest mit dem Großbaum verbunden ist, was die Handhabung des Großbaums etwas erschwert. Auch beim Setzen des Großsegels stört der Spibaum, da er schräg über den Baum hochsteht (zumindest wenn der Topnant auf die korrekte Länge für das Fahren mit Spi eingestellt ist).
Am Ufer bzw. an Land entfernen wir daher Topnant und Niederholer und picken die weisse Holeleine vorne ein, so dass der Spibaum parallel zum Großbaum mit einem zweiten Gummiband auf Höhe des Baumniederholders befestigt werden kann. So sind alle störenden Tampen aus dem Weg.

Eines fehlt uns aber noch zum richtigen Spibaumglück: den Spibaumniederholer unter Deck zu führen und über ein Gummiband nach innen ziehen zu lassen. Dadurch wird das Setzen des Schießbaums noch einfacher, da wir nicht mehr drauf achten müssen, vor dem Anschlagen des Spibaums den Niederholer aus der Klemme zu nehmen und nach dem Anschlagen wieder zu belegen.

Fazit

Für uns hat sich der kleine Umbau gelohnt. Wir nutzen den Spinnaker nun öfter und auch in Situationen in denen wir uns noch etwas unsicher sind, da wir wissen, dass wir im Notfall den Baum schnell wieder im Boot haben. Die entstandene zusätzliche Komplexität nehmen wir dafür gerne in Kauf.

Falls jemand Fragen zur genauen Umsetzung hat beantworte ich diese natürlich gerne in den Kommentaren oder per E-Mail, meine Adresse kann bei SaF erfragt werden.

Ein Kommentar

  • entspricht meinen rudimentären Erfahrungen mit dem Schiessbaum: Wenn es klappt, kann das Spi-Setzen mit dem Schiessbaum sehr elegant verlaufen, der Schiessbaum erhöht aber die Komplexität. Beim Grossegelsetzen hat mich der Schiessbaum nie gestört, man kann ja den Baum mit dem Toppnant erst dann in Position bringen, wenn das Groß schon steht. Bei mir hängt der Spi-Baum quasi lose neben dem Großbaum und verursacht, wenn er nicht in Betrieb, aber auch nicht fest verzurrt ist, z.B. in der Regatta auf Am-Wind-Strecken, wilde Klappergeräusche, die mich erheblich nerven. Höherziehen des Baumes mit dem Toppnant hilft etwas, aber nicht komplett. Auf manchen holländischen Booten sieht man optisch wenig ansprechende, aber vielleicht funktionale Kunststoffrohre am Großbaum, in den der Spibaum gelagert wird. Vielleicht helfen die auch gegen klappern.

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